Zwei Schüler mittleren Alters laden ihren alten Lehrer zum Essen ein. Er betrinkt sich gehörig und wird schliesslich von Trauer überwältigt: Wir sind stets allein im Leben. Immer allein. Er lebt mit seiner Tochter, die sich um ihn kümmert und nie heiratete. Er wird sie allein zurücklassen nach seinem Tod, erzählt er Hirayama, der Hauptfigur des Films - um ihn vor demselben Fehler zu bewahren. Hirayama zeigt scheinbar keine Reaktion. Er lebt allein mit seiner Tochter und seinem Sohn. Sein älterer Sohn ist bereits ausgezogen und verheiratet. Hirayama überdenkt den Rat des alten Lehrers. In seinem Büro heiratet gerade eine junge Frau im Alter seiner Tochter. Womöglich hat der alte Mann Recht? In der Nacht des gemeinsamen Abendessens bringen die Schüler den alten Lehrer heim. Er wird von seiner Tochter erwartet, die sich dafür schämt, ihren Vater wieder einmal betrunken zu empfangen. Sie sorgt sich um den Vater, aber ist gefangen und unglücklich. - Je mehr Filme ich von Yasujiro Ozu sehe, desto deutlicher wird mir bewusst, wie tief die Wasser jenseits der heiteren Oberfläche seiner Filme sind. Ozu ist für mich der grösste Regisseur aller Zeiten - Autumn Afternoon sein letztes Werk. Ozu selbst heiratete nie. Er lebte 60 Jahre lang mit seiner Mutter und starb nur wenige Monate nach ihrem Tod. In all seinen Filmen kehrt er immer wieder zu seinem Grundthemen zurück: Einsamkeit, Familie, Abhängigkeit und die Ehe. Sie spiegeln sein eigenes Leben wieder, das keine Melodramatik oder Tragik kannte, sondern nur die bittersüsse Vergänglichkeit. Ich sehe mir seine Filme immer wieder an, weil ich Ozu dafür bewundere, wie er das menschliche Sein versteht. Wir hoffen auf Glück, versuchen, das Richtige zu tun, wir sind gefangen in unserer Einsamkeit, aber das Leben geht weiter... Dieser Version verleiht er seinen ganz eigenen Stil, so dass man einen Ozu Film bereits durch eine einzige Einstellung erkennen kann (wenn man einige gesehen hat). Seine Kamera befindet sich etwa einen Meter über dem Boden. Sie befindet sich immer auf der Höhe einer sitzenden (japanischen) Person und bewegt sich fast nie. Oft beginnen seine Einstellungen, bevor eine Figur den Rahmen betritt. Häufig gebührt einzelnen Gegenständen die Aufmerksamkeit von Ozus Kamera. Die Requisiten wirken ausserordentlich sorgfältig arrangiert. Ich erinnere mich an diese Teekanne, die in mehreren Ozu Filmen, so auch in Autumn Afternoon, ins Bild rückt. Autumn Afternoon ist einer von sechs Farbfilmen, die Ozu am Ende seiner Karriere drehte. Er bevorzugt die Farbe Rot, um unsere Aufmerksamkeit zu erregen. In fast jeder Einstellung führt uns ein roter Gegenstand durch seine Pastell farbenen Kompositionen und verleiht seinen Bildern ihre Tiefe. Wer Ozu liebt, weiss, dass Chishû Ryû fast immer eine tragende Rolle spielt. Wir spüren, dass er den Ozu Charakter verkörpert: Ruhig, gepflegt und reserviert. Stets bevorzugt es Ozu, dass wir, das Publikum, die Gefühle seiner Figuren spüren. Er hilft uns nur selten mit Dialog-Zeilen. Der emotionale Höhepunkt ist der Hochzeitstag der Tochter. Wir sehen sie in ihrem Hochzeitskleid, sie wendet sich zum Vater: Was fühlen sie in diesem Moment? Zuvor betonte sie, nicht heiraten zu wollen, weil sie sich um den Vater und Bruder kümmern müsse. Ihren Ehemann sehen wir nicht. Es interessiert nicht, wohin sie aufbricht, nur dass sie weg geht. Sie akzeptiert den Willen des Vaters, aber es bleibt kein Raum für Freude. Fast strahlt die Szene unterschwellig etwas Brutales aus. Die Musik drückt aus, was niemand ausspricht: Wir fahren fort, wir geben unser Bestes, das Leben geht weiter... - Two middle-aged students invite their old teacher to dinner. He gets drunk and is finally overwhelmed by grief: We are always alone in life. Always alone. He lives with his daughter, who takes care of him and never married him. He will leave her alone after his death, he tells Hirayama, the main character of the film - to save him from the same mistake. Hirayama seems to show no reaction. He lives alone with his daughter and son. His older son has already moved out and is married. Hirayama reconsiders the old teacher's advice. In his office a young woman of his daughter's age is getting married. Maybe the old man is right? In the night of the dinner the pupils bring the old teacher home. He is expected by his daughter, who is ashamed to see her father drunk again. She worries about her father, but is trapped and unhappy. - The more films I see of Yasujiro Ozu, the more I realize how deep the waters are beyond the cheerful surface of his films. For me, Ozu is the greatest director of all time - Autumn Afternoon his last work. Ozu himself never married. He lived with his mother for 60 years and died only a few months after her death. In all his films he always returns to his basic themes: loneliness, family, dependence and marriage. They reflect his own life, which knew no melodrama or tragedy, but only the bittersweet transience. I watch his films over and over again because I admire Ozu for how he understands human existence. We hope for happiness, try to do the right thing, we are trapped in our loneliness, but life goes on... He gives this version its very own style, so that you can recognize an Ozu movie with just one shot (if you've seen some). His camera is about one meter above the ground. It is always at the height of a sitting (Japanese) person and almost never moves. Often his settings start before a figure enters the frame. Often individual objects deserve the attention of Ozu's camera. The props look extraordinarily carefully arranged. I remember this teapot, which is shown in several Ozu films, including Autumn Afternoon. Autumn Afternoon is one of six color films Ozu shot at the end of his career. He prefers the color red to attract our attention. In almost every shot, a red object guides us through his pastel-colored compositions, giving his images depth. Those who love Ozu know that Chishû Ryû almost always plays a leading role. We feel that he embodies the Ozu character: Calm, well-groomed and reserved. Ozu always prefers that we, the audience, feel the feelings of his characters. He rarely helps us with lines of dialogue. The emotional highlight is the daughter's wedding day. We see her in her wedding dress, she turns to her father: What do you feel at this moment? Before, she stressed that she did not want to marry because she had to take care of her father and brother. We do not see her husband. It doesn't matter where she goes, only that she goes away. She accepts her father's will, but there is no room for joy. The scene almost radiates something brutal subliminally. The music expresses what no one says: we continue, we give our best, life goes on...
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Ich beteilige mich gern an
Ich beteilige mich gern an eurer Ozu Aktion und sehe das als willkommenen Anlass, diesen Regisseur zu entdecken. Er ist nicht leicht zu verstehen, alles wird sehr indirekt vermittelt. Der Zuschauer kann nur raten, was die Figuren fühlen. Oft wird auch gespiegelt: Das Schicksal des Vaters sehen wir durch seinen alten Lehrer. Beide leben mit ihrer Tochter, der Lehrer aber hat seine unglücklich gemacht. Es fällt auf, dass viel Sake getrunken wird. Das gehört wohl zur Einsamkeit dazu.
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