Happiness lässt mich verwundert zurück. Perplex. Fast scheint Happiness ganz bewusst erforschen zu wollen wie ich, der Zuschauer, wohl reagieren werde: Ist es ein Werk über Verzweiflung und Trauer? Aber, warum muss ich dann lachen? Soll es eine ironische Komödie sein? Doch warum dann diese zärtliche Anteilnahme an den einzelnen einsamen Figuren? Ein Film über Verderbtheit? Wohl eher, aber in Happiness suchen die Verdorbendsten unter uns dasselbe wie wir "gesunden" Menschen - eben nur ohne moralischen Kompass. Happiness blickt in die Abgründe des Menschen, aber unter der Annahme, dass wir es womöglich gar nicht mit "Aussenseitern" zu tun haben. Menschen wie du und ich? Alle Türen im Film sind verschlossen. Regisseur Todd Solondz verbindet einzelne Episoden, die eines gemein haben: Es treten Charaktere auf, die Liebe suchen, aber niemals finden werden. Sie alle haben keinerlei Zugang zu ihren Gefühlen, sind in ihrer Entwicklung gestört. Es mag viele Leute geben, die geliebt werden und glücklich sind. Aber nicht in Happiness. Joy (Jane Adams) ist mit einem Verlierer (Jon Lovitz) liiert, der ihr einen Ascher schenkt, obwohl sie gar nicht raucht (natürlich verhält sie sich seiner Meinung nach unsensibel, dieses Geschenk nicht zu würdigen). Allen (Philip Seymour Hoffman) erzählt seine sexuellen Fantasien seinem Psychologen, mit der Aussicht, keine je zu verwirklichen (Allen findet sich einfach zu langweilig). Einmal klopft die dicke Kristina (Camryn Manheim) bei Allen an die Tür, um einen Mord zu melden. Allen interessierts nicht, er säuft, liest Pornos und erledigt seine obszönen Anrufe. Es sind einsame Menschen, allein in ihren Wohnungen vegetierend. Sie alle haben ihre Geheimnisse. Dann erleben wir dieses herzzereissende Gespräch zwischen Vater und Sohn. Der Junge hörte in der Schule, sein Vater sei ein Sittenstrolch. Er fragt, ob das stimmt und erfährt die ganze traurige Wahrheit. Natürlich ist es wahr. Happiness gehört zu einem Genre, dass The New Geek Cinema heisst - irgendwo zwischen Ironie und Tragik. Die Figuren sehen sich selbst als ausserhalb der Norm. Je mehr Leute etwas über sie erfahren, desto weniger können sie leiden: Geeks. Warum sollte man sich diese unglücklichen Menschen ansehen? Warum sollte man sie verstehen? Um sich für sie zu schämen und die ganze Tragik verunglückter Sexualität zu ermessen? Ist es gar eine Art von Exploitation? Aber nein: Die Auswüchse darf man als Symptome von Trauer und Verzweiflung verstehen. Ich wundere mich nur, wie ungeheuer beliebt Happiness bei euch seit Jahren ist. Eigentlich doch ein Film, der niemandem gefallen kann! - Happiness leaves me astonished. Perplex. Happiness almost seems to want to explore consciously how I, the spectator, will react: Is it a work about despair and grief? But why do I have to laugh? Is it supposed to be an ironic comedy? But then why this tender sympathy for the individual lonely figures? A film about corruption? More likely, but in Happiness the most corrupt among us seek the same as we "healthy" people - just without a moral compass. Happiness looks into the abysses of man, but under the assumption that we might not be dealing with "outsiders" at all. People like you and me? All doors in the film are locked. Director Todd Solondz combines individual episodes that have one thing in common: Characters appear who seek love, but will never find it. They all have no access whatsoever to their feelings, are disturbed in their development. There may be many people who are loved and happy. But not in Happiness. Joy (Jane Adams) is in a relationship with a loser (Jon Lovitz), who gives her an ashtray, even though she doesn't smoke at all (of course, in his opinion, she behaves insensitive not to appreciate this gift). Allen (Philip Seymour Hoffman) tells his sexual fantasies to his psychologist, with the prospect of never realizing them (Allen just finds himself too bored). Once fat Kristina (Camryn Manheim) knocks on Allen's door to report a murder. Allen isn't interested, he drinks, reads porn and takes care of his obscene calls. They are lonely people, vegetating alone in their apartments. They all have their secrets. Then we experience this heartbreaking conversation between father and son. The boy heard at school that his father was a sex offender. He asks whether that is true and he learns the whole sad truth. Of course it is true. Happiness belongs to a genre called The New Geek Cinema - somewhere between irony and tragedy. The characters see themselves as outside the norm. The more people know about them, the less they can suffer: Geeks. Why should you look at these unhappy people? Why should you understand them? To be ashamed of them and to measure the whole tragedy of the accidental sexuality? Is it even some kind of exploitation? But no: The excrescences can be understood as symptoms of grief and despair. I just wonder how incredibly popular Happiness has been with you for years. Actually a film that nobody can like!
Kommentare
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Das hier ist nun weniger eine
Das hier ist nun weniger eine Kritik als ein ausgeschmückter Appell, einen viel zu unbekannten Filmemacher kennenzulernen, aber das macht ja nichts. Allen, die Todd Solondz, den ich hier schon oft gelobt habe, nicht kennen, sei gesagt, dass er für vom Leben gezeichnete, kaputte und/oder unperfekte Figuren mit fallweise recht ungesunden Obsessionen steht. Er besitzt gleichzeitig die Gabe, sein Publikum durch fantastisch pointierte Dialoge, die er diesen Figuren in den Mund legt, zum Lachen zu bringen, ohne sich dabei über sie lustig zu machen.
Nicht dass man seine Filme als übermäßig heiter bezeichnen könnte - es sind zutiefst bittere, schwarzhumorige, desöfteren in der suburbanen Sphäre spielende Sozialsezierungen, die ihr Publikum dermaßen souverän zwischen Lachen und Weinen oszillieren lassen wie es wenig andere vermögen. Solondz, der im Übrigen frappant so aussieht, als wäre er aus einem seiner eigenen Filme entkommen, sagte einmal in einem Interview, er halte es für wichtig, im täglichen Leben Höflichkeit an den Tag zu legen, diese allerdings beim Schreiben von Drehbüchern möglichst auszublenden. Und so bestimmen Mord, Vergewaltigung, sexuelle Belästigung, Missbrauch, Pädophilie und mehr seine bei aller Lustigkeit, die nie durch den plumpen US-Gaghammer gespeist wird, reichlich unbequemen Werke.
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Böse.
Böse.
Urkomisch.
Echt.
Auf die wohl bitterste art, die mir je untergekommen ist.
(Wie jetzt, wieso was soll an dem echt sein, wo denn?? Also nein, diese leute in diesem film da, wer könnte sich denn je mit diesen ganzen perversen und irren identifizieren, das ist ja völlig realitätsfern das ganze. Traurig diese gestalten, richtig arm dran.
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