Der zweite Anlauf der Nouvelle Vague in den frühen 70ern kann man als Ein-Mann-Nouvelle Vague bezeichnen: Es ist das Jahrzehnt von Gerard Depardieu. Während sich in Frankreich Godard mit Experimentalfilmen zurückzieht und Truffaut ein grosses Publikum anvisiert, tauchen neue Querköpfe wie Bertrand Blier und Barbet Schroeder auf. Les valseuses von Blier mit Depardieu ist der Startschuss für ein neues Kino, in dem alles möglich ist. Zwei Kleingauner sind permanent auf der Flucht. Sie nehmen eine frigide Blondine mit und versuchen, erfolglos, sie zum Orgasmus zu bringen. Der Humor von Les valseuese beruht aber nicht einfach nur auf Provokation, der Film ist warmherzig und swingt, ganz so wie Jules et Jim oder Bande à part. Schroeder gelingt mit Maitresse ein Popart Meisterstück. Die Liebesgeschichte zwischen einem Einbrecher (Depardieu) und einer Domina in Allen Jones` Set Design mit den Kostümen von Karl Lagerfeld ist eine wieder zu entdeckende Perle! Aus Polen emigriert Andrzej Żuławski, der sich mit hysterisch obsessiven Filmen eine Fangemeinde erspielt. Klaus Kinski und Romy Schneider in C'est important d'aimer und Isabelle Adjani in Possession agieren theatralisch und irritierend. Possession ist Kafka pur vor der Berliner Mauer, Adjanis grenzwertiges Spiel macht aus der gewalttätigen Tour de force reine Kunst. In Italien rücken Marco Ferreri, Lina Wertmueller und Ettore Scola nach. Ferreris Dillinger è morto (Dillinger ist tot) hält dem Zuschauer einen Spiegel vor, er sieht sich selbst, gar nicht so sehr das Geschehen. Ohne ihn nachzuahmen, ist Ferreri ein guter Bunuel und sein surreales Meisterstück einer seiner ganz wenigen Filme, gegen die es keine grosse Opposition gibt. Le grande bouffle (Das grosse Fressen) ist sein umstrittenster und berühmtester Film. Eine Endzeit Parabel, in der sich vier gestandene Männer zu Tode fressen. Ein Rausch an Verdauungsstössen und Blähungen. Lina Wertmueller ist berüchtigt durch ihre italienische Trilogie. Nord und Süd, Kommunisten und Kapitalisten, Frauen und Machos, alles wird ordentlich verrührt zu Exzess Satire. Swept away (Travolti da un insolito...) zeigt Mann und Frau abgetrieben auf einer einsamen Insel im Kampf der Geschlechter: Er wähnt sich unbestechlich, auch nicht durch Sex (obwohl er sie später vergewaltigt) und lässt die Blondine seine Socken waschen. Wertmueller wendet diese Ausgangssituation zum Pathos der Liebe. Alles, was Wertmueller anfasst, gelingt ihr überlebensgross. Ihr Humor ist zum Brüllen komisch, ihre Tragik immer melodramatisch, die Gewalt exzessiv. Scolas Brutti, sporchi e cattivi bringt alles auf einen Nenner: Eine elende Grossfamilie in einem Slum, die sich für eine Versicherungsprämie bereit ist zu töten. Das Kino der 70er ist ganz nebenbei sehr moralisch, was hinter der Oberfläche aus Sex, Gewalt und Schabernack oft verschwimmt. Moral und Spass – wann hat es das zuletzt gegeben?! - The second attempt of the Nouvelle Vague in the early 70s can be called a one-man Nouvelle Vague: It's Gerard Depardieu's decade. While in France Godard withdraws with experimental films and Truffaut targets a large audience, new crossheads like Bertrand Blier and Barbet Schroeder emerge. Les valseuses by Blier with Depardieu is the starting shot for a new cinema in which everything is possible. Two little rascals are permanently on the run. They take a frigid blonde with them and try, unsuccessfully, to bring her to orgasm. But the humour of Les valseuese is not simply based on provocation, the film is warm and swinging, just like Jules et Jim or Bande à part. Schroeder succeeds with Maitresse, a pop art masterpiece. The love story between a burglar (Depardieu) and a dominatrix in Allen Jones` Set Design with the costumes of Karl Lagerfeld is a pearl to be rediscovered! Andrzej emigrates from Poland to Żuławski, where he plays hysterically obsessive films to gain a fan base. Klaus Kinski and Romy Schneider in C'est important d'aimer and Isabelle Adjani in Possession act theatrically and irritatingly. Possession is Kafka pure in front of the Berlin Wall, Adjani's borderline game turns the violent tour de force into pure art. In Italy, Marco Ferreri, Lina Wertmueller and Ettore Scola move up. Ferreri's Dillinger è morto (Dillinger is dead) holds a mirror up to the viewer, he sees himself, not so much what's happening. Without imitating him, Ferreri is a good Bunuel and his surreal masterpiece is one of his very few films against which there is no great opposition. Le grande bouffle (The Big Eat) is his most controversial and famous film. An end-time parable in which four men eat each other to death. A rush of digestive thrusts and flatulence. Lina Wertmueller is notorious for her Italian trilogy. North and south, communists and capitalists, women and machos, everything is properly stirred into excess satire. Swept away (Travolti da un insolito...) shows man and woman aborted on a deserted island in the battle of the sexes: He thinks himself incorruptible, not even through sex (although he rapes her later) and lets the blonde wash his socks. Wertmueller turns this initial situation into the pathos of love. Everything Wertmueller touches, she succeeds in doing larger than life. Her humour is funny to the roar, her tragedy always melodramatic, her violence excessive. Scolas Brutti, sporchi e cattivi brings everything down to one common denominator: a wretched extended family in a slum that is prepared to kill itself for an insurance premium. The cinema of the 70s is, by the way, very moral, which often blurs behind the surface of sex, violence and mischief. Moral and fun - when was the last time?!
Mo, 05/08/2013 - 13:13


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