Francois Truffauts Les quatre cents coups ist einer der gefühlvollsten, mitreissendsten, bewegendsten, wundervollsten Filme über das Heranwachsen, die je gemacht wurde! Inspiriert durch Truffauts eigene Adoleszenz, sehen wir einen Jungen, der sich in den Strassen von Paris herumtreibt und ziemlich offen dafür ist, auf die schiefe Bahn zu geraten. Die Erwachsenen betrachten ihn als einen, der nur Ärger bringt. Wir aber teilen mit ihm auch intime Momente, etwa, wenn er vor seinem Schrein eine Kerze für den Dichter Balzac entzündet. In seiner letzten Szene blickt er direkt in die Kamera. Gerade entflohen aus einem Verwahrungsort für Jugendliche, hat er sich zum Meer durchgeschlagen. Da sitzt er nun, zwischen dem Festland und dem Wasser, zwischen seiner Vergangenheit und der Zukunft. Das Meer sieht er in diesem Augenblick zum allerersten Mal. Der Junge heisst Antoine Doinel und wird verkörpert von Jean-Pierre Leaud. Truffaut wird mit ihm innerhalb der nächsten 20 Jahre vier Langfilme und einen Kurzfilm inszenieren. Wir beobachten Antoine in seiner Entwicklung und beobachten Leaud, wie er in dieser Rolle erwachsen wird. Leaud ist Antoine und Antoine ist Truffaut. Alle Doinel Filme haben ihren Reiz und gehören zum Besten, was Truffaut jemals machte! Les quatre cents coups aber ist eine Klasse für sich! Das Gesicht von Antoine, es wirkt ernsthaft, fast feierlich - ganz so als ob sein Herz schon einige Wunden erlitten habe, bevor wir ihn im Film begegnen. Hier gehen Regisseur und Hauptdarsteller eine Symbiose ein, wie sie wohl einmalig ist in der Geschichte des Kinos! Nur sehr wenig in diesem Film wurde inszeniert, um einen Effekt zu erheischen. Vielmehr scheint sich alles zusammenzufügen wie eine Vorbereitung auf diese letzte Einstellung Antoines am Meer. Wir begegnen ihm zuerst als jungen Teen, der mit seiner Mutter (Claire Maurier) und dem Stiefvater so beengt lebt, dass sie sich ständig anbrüllen, weil immer irgendwer im Weg steht. Die Mutter, die am liebsten ganz enge Pullover trägt, wirkt ständig abgelenkt: Mal durch ihren lästigen Sohn, dann durch ihre permanente Geldnot und schliesslich durch eine Affäre mit einem Arbeitskollegen. Der Stiefvater (Albert Remy) behandelt Antoine zwar nett, aber kümmert sich nicht allzu sehr um den Jungen. Beide Eltern sind oft unterwegs und glauben im Zweifelsfall eher den Anderen, die Schlechtes über Antoine erzählen - Sie glauben dem Anschein, aber nicht ihrem Sohn. In der Schule haben die Lehrer ihm die Etikette des Problemschülers angeheftet. Antoine wird vom Pech verfolgt: Geht in der Klasse ein Pinup Kalendar herum, wird ER damit entdeckt. Schliesslich erzählt er als Ausrede für nicht gemachte Hausaufgaben, seine Mutter sei gestorben - wenig später aber erscheint sie im Schulkorridor. Seine Abende verbringt Antoine mit Balzac. Er liebt Balzac! Das geht so weit, dass er versucht, genauso zu schreiben. Antoine verfasst einen Aufsatz über den Tod seines Grossvaters - mit den Worten Balzacs. Diese Szene wird aber nicht als Homage, sondern als Plagiat bewertet und setzt sogar eine Abwärtsspirale in Gang, da Antoine mit seinen Freunden eine Schreibmaschine klaut. Die ergreifendste Szene ist für mich die, in welcher Antoine von seinen Eltern getrennt und dem Jugendamt übergeben wird. Besonders schmerzhaft hat mich das Gespräch seiner Eltern mit den Behörden getroffen, die ihn als verloren betrachten. Würde er weiterhin zu Hause bleiben, müsste man davon ausgehen, dass Antoine wieder wegläuft. Der Junge wird im Polizeiwagen abtransportiert, zusammen mit Prostituierten und Dieben. Es wäre aber ein Missverständnis, Truffauts Film für eine Tragödie zu halten. Es gibt so viele Passagen, die einfach Spass machen und ihren ganz eigenen Humor entfalten! Erinnere dich an die Szene, da der Sportlehrer mit einer Gruppe von Jungs durch Paris joggt, die ihm wie ein Tausendfüssler folgen! Oder die, in der Antoines Familie gemeinsam ins Kino geht und laut lachend wieder herauskommt! Wir wissen, dass Truffaut selbst so oft es ging, ins Kino floh, um zu vergessen. Es wird in Truffauts Karriere noch oft solche Verweise auf das Kino geben - immerhin rettete es ihm das Leben (wie er immer wieder beteuerte). Truffaut begann als Kritiker und vollendete sein Debüt Les quatre cents coups an seinem 27. Geburtstag. Wenn es so ist, dass die Nouvelle Vague die Trennlinie zwischen dem "klassischen" und dem "modernen" Kino markiert, dann ist Truffaut mit Sicherheit der am innigsten geliebte moderne Regisseur! 1984 starb er an einem Gehirntumor - viel zu jung! - doch er hinterliess 21 Filme. Truffaut inszenierte einen Film pro Jahr, fand aber dennoch Zeit, auch weiterhin berühmte Abhandlungen zum Thema Film und Drehbücher für Kollegen zu schreiben. Mal im Ernst, vergleiche ich Truffauts Werk mit dem seiner Mitstreiter der Nouvelle Vague - wieviel zeitloser kommt es mir heute vor! Immerhin stammt von ihm und seinen Kollegen die Theorie, dass der "Auteur" den Film verantwortet - und nicht das Studio, das Genre, der Star oder der Drehbuchautor. Wer weiss, vielleicht hat der Eine oder Andere ja einen Truffaut Schrein in seinem Zimmer? Vielleicht ist er gerade dabei, eine Kerze davor anzustecken? - Francois Truffaut's Les quatre cents coups is one of the most emotional, captivating, moving, wonderful films about growing up ever made! Inspired by Truffaut's own adolescence, we see a boy roaming the streets of Paris, quite open to getting on the wrong track. The adults regard him as one who only brings trouble. But we also share intimate moments with him, for example when he lights a candle for the poet Balzac in front of his shrine. In his last scene he looks directly into the camera. Just escaped from a place of custody for young people, he has made his way to the sea. There he sits, between the mainland and the water, between his past and the future. At this moment he sees the sea for the very first time. The boy's name is Antoine Doinel and he is impersonated by Jean-Pierre Leaud. Truffaut will be staging four feature films and one short film with him over the next 20 years. We observe Antoine in his development and watch Leaud grow up in this role. Leaud is Antoine and Antoine is Truffaut. All Doinel films have their charm and belong to the best Truffaut ever did! But Les quatre cents coups is a class of its own! Antoine's face, it looks serious, almost solemn - as if his heart had already suffered some wounds before we meet him in the film. Here director and leading actor enter into a symbiosis that is probably unique in the history of cinema! Only very little was staged in this movie to get an effect. Rather, everything seems to fit together like a preparation for Antoine's last shot at the sea. At first we meet him as a young teen, who lives so cramped with his mother (Claire Maurier) and his stepfather, that they constantly yell at each other, because there is always someone in the way. The mother, who prefers to wear very tight sweaters, is constantly distracted: sometimes by her annoying son, then by her permanent lack of money and finally by an affair with a work colleague. The stepfather (Albert Remy) treats Antoine nicely, but doesn't care too much about the boy. Both parents are often on the road and in case of doubt believe the others who tell bad things about Antoine - they believe the appearance, but not their son. In school the teachers have attached the etiquette of the problem student to him. Antoine is persecuted by bad luck: If there is a Pinup calendar in the class, HE is discovered with it. Finally he tells as an excuse for not doing his homework that his mother has died - but a little later she appears in the school corridor. Antoine spends his evenings with Balzac. He loves Balzac! This goes so far that he tries to write the same way. Antoine writes an essay about his grandfather's death - in the words of Balzac. This scene is not judged as homage, but as plagiarism and even sets off a downward spiral as Antoine and his friends steal a typewriter. The most moving scene for me is the one in which Antoine is separated from his parents and handed over to the Youth Welfare Office. Especially painful was the conversation his parents had with the authorities, who considered him lost. If he were to stay at home, one would have to assume that Antoine would run away again. The boy is taken away in the police car, together with prostitutes and thieves. But it would be a misunderstanding to think Truffaut's film was a tragedy. There are so many passages that are simply fun and unfold their very own humour! Remember the scene when the gym teacher is jogging through Paris with a group of boys following him like centipedes! Or the one where Antoine's family go to the movies together and come out laughing loud! We know that Truffaut himself fled to the cinema as often as he could to forget. In Truffaut's career there will often still be such references to the cinema - after all, it saved his life (as he repeatedly asserted). Truffaut began as a critic and completed his debut Les quatre cents coups on his 27th birthday. If the Nouvelle Vague marks the dividing line between "classical" and "modern" cinema, then Truffaut is certainly the most beloved modern director! He died of a brain tumour in 1984 - much too young! - but he left behind 21 films. Truffaut staged one film a year, but still found time to continue writing famous treatises on the subject of film and scripts for colleagues. Seriously, I compare Truffaut's work with that of his Nouvelle Vague comrades-in-arms - how much more timeless it seems to me today! After all, he and his colleagues have developed the theory that the "Auteur" is responsible for the film - and not the studio, the genre, or the film.
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