Die zweite Szene in Boyhood deckt sich mit dem Motiv des Kinoplakats: Eine Junge liegt auf dem Rasen. Es ist Mason, Jr. (Ellar Coltrane). Er spricht nicht und es gibt auch keinen Erzähler aus dem Off; so können wir nicht wissen, was er gerade denkt. Darum geht es aber auch nicht in Boyhood. Der Film betrachtet das Leben, unsere flüchtige Existenz an sich. Richard Linklater bekam ungeheure mediale Aufmerksamkeit dafür, dass er dieses Projekt über zwölf Jahre mit demselben Hauptdarsteller verfolgte (die Eltern Olivia und Mason werden dargestellt von Patricia Arquette und Ethan Hawke, die Schwester von Lorelei Linklater, der Tochter des Regisseurs). Wir sehen zu, wie Mason aufwächst und seine Eltern langsam dick und grau werden. Olivia und Mason leben in verschiedenen Beziehungen nach ihrer Trennung. Olivia versucht ihren Ehemann zu ersetzen, um ihre "kaputte" Familie zu reparieren. Das treibt sie in eine Reihe von Beziehungen, die ihr nicht gut tun, manchmal sogar schrecklich verlaufen. Mason Sr. geht einen anderen Weg, arbeitet in einer Reihe von Jobs und lebt wie ein Bohemian freien Geistes. Mason Jr. wächst heran, beginnt sich für verschiedene Dinge wie Sex zu interessieren und schliesslich sprechen sie darüber, welches College er besuchen will und wie er sich sein Leben wünscht. Alles ist verschwommen. Schon oft sahen wir Serienhelden im Kino altern, jedoch nie so kompakt. Das macht Boyhood einzigartig! Linklaters Film, ein echtes Original, vollkommen eigenständig! Mason ist ein Scheidungskind. Seine Mutter und er ziehen oft um in Texas. Sein Vater hat kein Sorgerecht, weshalb er oft über hunderte von Kilometern fahren muss, um seine Familie zu sehen. Olivia und Mason Sr. lieben ihre Kinder, obwohl sie manchmal auch bereuen, dass sie so oft hinter ihnen zurückstecken mussten (Linklater erklärt uns aber den Trick, dass sie damit nur gesellschaftlichen Bedingungen folgten). Der gesellschaftliche Rahmen nimmt einen wesentlichen Teil von Boyhood ein und erlaubt die grossen Fragen des Lebens: Was macht uns "normal"? Wann sind wir Kinder, wann Männer? Ist das klassische Arrangement, Mann, Frau, Kinder und ein Haus tatsächlich wünschenswert für jeden von uns? Oder ist der freie Wille darüber nichts als eine Illusion? Olivia ist wie viele alleinerziehende Mütter entmutigt, ob der vielen Möglichkeiten. Sie jagt der Idee von "Normalität" hinterher, die möglicherweise gar nicht funktioniert für sie. Dabei arbeitet sie als Professorin - und dennoch: Olivia scheint gefangen im Konzept von "Familie". Mason versteht mehr, wenn er seine Mutter zurechtweist: "We already have a family!". Er hat Recht! Von beiden Eltern ist Olivia immer die Verantwortliche, die "Langweilerin". Selbst ihre schlimmsten Entscheidungen entstanden aus dem guten Willen für ihre Familie, wobei Olivia nicht verinnerlicht, dass eine gute Mutter eben Frieden braucht. Wie betrachtet Linklater die Welt der Männer? Männlichkeit ist eine Fortsetzung von "Boyhood" nur mit Führerschein und Einkommen. Mason Sr. ist ein guter Spielkamerad für seine Kinder, doch er erreicht keinen besonderen Grad an Klugkeit in seinem Leben. Ironischerweise fordert er regelmässig "echte" Unterhaltungen mit den Kindern ein. Die Erziehung von Mason aber gelingt beiden. Wir erleben Mason, wie er in der Schule konfrontiert wird, keine "Pussy" zu sein und das zurückweist. Es wird nicht erklärt, Wie und Warum (dafür ist Linklaters Film zu intuitiv), aber er scheint die besseren Eigenschaften seiner Eltern aufgenommen zu haben. Mason lässt sich nicht unter Druck setzen. Linklaters Dramaturgie gleicht im Grunde einer Sammlung von aufeianderfolgenden Kurzfilmen. Er verwendet keine zeitlichen Angaben, wir merken nur, wie Mason grösser wird, seine Haare anders trägt oder jemand einen Kommentar zum Irak-Krieg gibt. Das Herz von Boyhood, das ist sein Umgang mit der Zeit. Alles in diesem Film dreht sich letztlich um Zeit. Wenn es eine Erklärung für das Leben gibt, dann die, dass alles flüchtig ist. Haben wir nicht eben noch die Szene ganz am Anfang des Films gesehen, in der die junge Familie aus ihrem Haus auszieht? Wir ertappen uns dabei, eine alte Frage zu stellen: Wo ist die Zeit nur geblieben? - The second scene in Boyhood coincides with the motif of the cinema poster: a boy lying on the lawn. It's Mason, Jr. (Ellar Coltrane). He does not speak and there is no narrator from offstage; so we cannot know what he is thinking. That's not what Boyhood is about. The film looks at life, our fleeting existence itself. Richard Linklater received tremendous media attention for following this project for twelve years with the same leading actor (the parents Olivia and Mason are played by Patricia Arquette and Ethan Hawke, the sister of Lorelei Linklater, the director's daughter). We watch Mason grow up and his parents get fat and gray. Olivia and Mason live in different relationships after they split up. Olivia tries to replace her husband to fix her "broken" family. This drives her into a series of relationships that do her no good, sometimes even go horribly. Mason Sr. goes a different way, works in a number of jobs and lives like a bohemian of the free spirit. Mason Jr. grows up, becomes interested in different things like sex and finally they talk about which college he wants to attend and how he wants his life to be. Everything's blurry. We have often seen serial heroes grow old in the cinema, but never so compact. That makes Boyhood unique! Linklaters film, a real original, completely independent! Mason's a divorcée. His mother and he move around Texas a lot. His father has no custody, which is why he often has to drive hundreds of kilometres to see his family. Olivia and Mason Sr. love their children, although they sometimes regret having to put them behind them so often (but Linklater explains the trick that they only followed social conditions). The social framework takes up an essential part of Boyhood and allows the big questions of life: What makes us "normal"? When are we children, when are we men? Is the classic arrangement of man, woman, children and a house really desirable for all of us? Or is free will nothing more than an illusion? Olivia is like many single mothers discouraged by the many possibilities. She chases after the idea of "normality", which may not even work for her. She works as a professor - and yet: Olivia seems to be caught up in the concept of "family". Mason understands more when he rebukes his mother: "We already have a family!". He's right! Of both parents, Olivia is always the "boring one". Even her worst decisions came out of the good will for her family, whereby Olivia does not internalize that a good mother needs peace. How does Linklater view the world of men? Masculinity is a continuation of "boyhood" only with a driving licence and income. Mason Sr. is a good playmate for his children, but he does not achieve a special degree of wisdom in his life. Ironically, he regularly demands "real" conversations with the children. But Mason's upbringing is successful for both of them. We see Mason confronted at school not being a "pussy" and rejecting that. It does not explain how and why (Linklaters film is too intuitive), but he seems to have absorbed the better qualities of his parents. Mason won't let himself be pressured. Linklaters dramaturgy basically resembles a collection of consecutive short films. He doesn't use time, we only notice how Mason gets bigger, wears his hair differently or someone comments on the war in Iraq. The heart of Boyhood, that's his way with time. Everything in this film is ultimately about time. If there's an explanation for life, it's that everything is fleeting. Didn't we just see the scene at the very beginning of the film where the young family moves out of their house? We find ourselves asking an old question: What's happened to time?
Translated with www.DeepL.com/Translator
Kommentare
Eure letzten Kommentare
'So whats the point?'
'So whats the point?'
'..of what?'
'I don't know - any of this, everything.'
'Everything? [...] i don't know, neither does anybody else, okay, ..... I mean the good thing is you're feeling stuff.'
- Anmelden oder Registieren, um Kommentare verfassen zu können
Trotz der eigentlichen Fülle
Trotz der eigentlichen Fülle an Ideen und episodischen Abschnitten ernüchtert die Geschichte ein wenig und hinterlässt das Gefühl, Einblick in das Leben eines ganz normalen Jungen bekommen zu haben, ohne allzu große Höhen und Tiefen. Der eigentliche Reiz liegt in der tatsächlichen Parallelität zwischen Filmzeit und Echtzeit, sprich: es macht einfach Spaß, die Protagonisten in Wirklichkeit und ohne Maske Altern zu sehen.
- Anmelden oder Registieren, um Kommentare verfassen zu können


Werde Teil der Community
Schreibe Kommentare, vote für Deine Favoriten oder sende uns Deinen Film-Vorschlag.