Sa, 10/05/2025 - 18:04
Gegen die Erstarrung des französischen Films polemisierte jahrelang die Cahier du Cinema. Der junge Redakteuer Francois Truffaut forderte statt eines Films der festgefahrenen Genres einen Film der Autoren nach dem Vorbild von Hitchcock, Hawks, der italienischen Neorealisten und amerikanischer B-Movies. Die Kritik war die Vorstufe, um eigene Filme zu realisieren. Die Filmenthusiasten der Cahiers, Jean-Luc Godard, Jacques Rivette, Claude Chabrol oder Eric Rohmer hatten keine Ausbildung, nur die Schulung in den Filmclubs, nichtsdestotrotz drehte Truffaut seinen ersten Kurzfilm Les mistons und Chabrol produzierte seinen ersten Langfilm Le beau serge dank einer Erbschaft. Die Produzenten wurden aufmerksam, auch weil die Jungen billig arbeiteten und Ideen besassen. Eilfertig prägten Journalisten den Begriff Nouvelle Vague und verschafften dem französischen Film einen neuen Aufschwung. In den Jahren 1959-60 drehten allein 67 französische Regisseure ihren Debütfilm, nachdem Truffaut und Chabrol bewiesen hatten, dass es auch ohne handwerkliche Erfahrung nur mit dem Rüstzeug der Cinemateque möglich war, zu produzieren. Le beau Serge leitete die Nouvelle Vague ein, Truffaut tat das, was er als Kritiker immer gefordert hatte: Der Film solle nur von dem berichten, was allerpersönlichste Erfahrung ist. Les quatre cents coups (Sie küssten und sie schlugen ihn) kam dem konsequent nach und führte Truffauts Alter Ego ein: Antoine Doinel. Der Held von Godards erstem Film ist ein Gangster, der einen Polizisten ermordet, sich aber unbekümmert mit einer früheren Freundin beschäftigt. Belmondos Gangster wurde als virtueller Doppelgänger Godards bezeichnet: Godard sei eben nur deshalb nicht mehr Michel Poiccard, weil er den Film gedreht habe: A bout de souffle (Ausser Atem) ist hemmungsloser Freiheitsdrang, Aggressivität und Selbstdarstellung mit ruckartigen Schnitten und einem seltsam auseinander gerissenen Geschehen. Rivettes Paris nous appatient ist ein undurchschaubares Labyrinth von Verschwörung und Verdacht. Rohmers Le signe du lion zeigt ein ungastliches und grausames Paris. Beide Filme fielen an der Kinokasse durch und dennoch einte die beiden Autoren eine ungewöhnliche lange Kinokarriere und eine fast so emsige Fleissarbeit wie die von Claude Chabrol. Die Nouvelle Vague resultierte ähnlich wie New Hollywood aus einer Krise des Kinos, Jahrzehnte später aber waren die Hoffnungsträger selbst das französische Kino . - The Cahier du Cinema polemicised for years against the numbness of French film. Instead of a film of the deadlocked genres, the young editor Francois Truffaut demanded a film by the authors based on the models of Hitchcock, Hawks, the Italian neorealists and American B-movies. Criticism was the preliminary stage for making one's own films. The film enthusiasts of the Cahiers, Jean-Luc Godard, Jacques Rivette, Claude Chabrol or Eric Rohmer had no education, only the training in the film clubs, nevertheless Truffaut shot his first short Les mistons and Chabrol produced his first feature film Le beau serge thanks to an inheritance. The producers became aware, also because the boys worked cheaply and had ideas. Journalists hurriedly coined the term Nouvelle Vague and gave French film a new boost. In the years 1959-60 67 French directors shot their debut film alone, after Truffaut and Chabrol had proved that it was only possible to produce with the equipment of the Cinemateque even without technical experience. Le beau Serge introduced the Nouvelle Vague, Truffaut did what he had always demanded as a critic: the film should only report on what is the most personal experience. Les quatre cents coups (They kissed and they beat him) followed suit and introduced Truffaut's alter ego: Antoine Doinel. The hero of Godard's first film is a gangster who murders a policeman, but is unconcerned about a former girlfriend. Belmondos gangster was described as Godard's virtual doppelganger: Godard is no longer Michel Poiccard simply because he shot the film: A bout de souffle is an unrestrained urge for freedom, aggressiveness and self-portrayal with jerky cuts and a strangely torn apart event. Rivette's Paris nous appatient is an inscrutable labyrinth of conspiracy and suspicion. Rohmer's Le signe du lion shows an inhospitable and cruel Paris. Both films failed at the box office and yet the two authors were united by an unusually long cinema career and an almost as industrious work as that of Claude Chabrol. Like New Hollywood, the Nouvelle Vague was the result of a crisis in cinema, but decades later French cinema itself was the hope.
Filme in der Liste
And God Created Woman - Und immer lockt das Weib - Et Dieu créa la femme DVD2628
Vor mir liegt die schön aufgemachte Criterion Ausgabe von Roger Vadims And God Created Woman, daneben, die etwas schmucklose deutsche DVD von Concord Film (die etwas so aussieht wie man den Film 1956 auch vermarktet hätte). Fälschlicherweise hielt man Vadims vergessenen Klassiker damals so etwas wie den Vorläufer der Nouvelle Vague. Vermutlich erinnert sich auch die Criterion Collection an dieses Urteil der Godard-Generation. Für uns heute dürfte klar sein, dass And God Created Woman reine Exploitation ist. Eine lächerlich dünne Handlung, schlimme Schauspieler-Leistungen, rückschrittliche Darstellung von Sex und Frauen im Allgemeinen, Rassismus usw. Dafür aber gibts: 1. Knallige Farben, 2. Cinemascope und 3. Brigitte Bardot. Und die Punkte 1 und 2 sind zu vernachlässigen. Ab der fünften Einstellung weiss jeder, worauf er sich da einlässt: Auf bunte Farben, Cinemascope und Brigitte Bardot. Leicht kann man sich den Kino-Skandal von 1956 vorstellen. Natürlich wäre das Anstarren von B.B. nicht akzeptabel, gäbe es nicht zumindest den Anschein einer Handlung. Genauso organisiert Vadim seinen Film. Mit einem Hauch von Handlung.
La tête contre les murs (OmeU) DVD8962
Hier kommt ein junger Mann, der sich seinem Vater widersetzt, eingewiesen wird in eine Anstalt, versucht, zu fliehen... Georges Franjus Film fühlt sich an, als ob wir in die Hölle eintauchen. Mit Anouk Aimée und Claude Brasseur.
Fire And Ice - Der Kampf auf der Insel - Le combat dans l'ile (OmeU) DVD2715
Wir müssen uns mit einem Rechtsradikalen befassen, der von seiner Frau betrogen wird und so zum Duell fordert. Mit Unterstützung von Louis Malle macht Alain Cavalier daraus eine Art Film Noir, einen Polit-Thriller, der verstanden werden muss im gesellschaftlichen Kontext der 50er. Mit Romy Schneider und Jean-Louis Trintignant.
The Mother and the Whore - Die Mama und die Hure - La maman et la putain DVD7550
Eustaches bei weitem bekanntester Film kam 1973 in die Kinos und eine ganze Generation umarmte diesen permanent lamentierenden Faulpelz, der am liebsten endlose Konversationen in Pariser Cafes führt. Jean-Pierre Leaud mimt Eustaches Idol Alexandre. Er lebt mit einer Frau und erzählt einer anderen, dass er sie liebt. Dann ist da noch die, welche ihn zurückwies und diverse andere Frauen. Marie, gespielt von Bernadette Lafont, lebt mit Alexandre und unterstützt ihn auch, da er meist "zwischen zwei Jobs" steht. Veronika (Francoise Lebrun) ist Alexandres Blind Date in einem Cafe, der er seine nicht wirklich hochfliegenden Gedanken präsentiert (während seine Blicke anderen Frauen in nächster Umgebung folgen). Alexandre ist nicht dumm, aber auch nicht intellektuell. Bei seiner Selbstfindung gelingen ihm keine nennenswerten Fortschritte. Am liebsten plappert er über Filme und übers Leben (wobei er dabei oft durcheinander kommt). Er trägt einen dunlen Mantel und einen Schal, der ihm bis zu den Knien reicht. Sein Freund trägt dasselbe. Die Tage verbringt Alexandre damit, dass er in Cafes Proust vor sich hin hält, aber nicht darin liest.
The Man Who Lies - Der Mann, der lügt - L'homme qui ment (OmeU) DVD10199
Ihr leiht zwar gerne Werke der Nouvelle Vague und fragt mich auch nach Filmen, die gar nicht so sehr im Fokus stehen. Nicht aber nach Alain Robbe-Grillet . The Man Who Lies dürfte sein bekanntester Film sein. Er stellt die Frage nach dem Eigenleben der Fantasie und welchen Einfluss sie auf die Realität haben könnte? Deshalb begegnen wir Boris (Jean-Louis Trintignant) in einer Kriegs-Szene, wie er vor den Deutschen flieht. Schnitt. Boris wacht auf und befindet sich in einer französischen Kleinstadt. Er wäscht sich und flaniert durch die Gassen, die er lange nicht mehr besucht hatte. Wie lang, das weiss Boris nicht mehr (merkwürdigerweise aber wirkt die Mode dort gar nicht wie aus der Zeit des zweiten Welttkrieges, sondern scheint aus dem Paris der Nouvelle Vague entnommen zu sein). Wenn Boris uns nun von seinen Eindrücken erzählt - können wir ihm überhaupt trauen? Boris behauptet, Jean Robin (Ivan Mistrik), einen Widerstandskämpfer der Resitance zu kennen. Wirklich? Daheim warten geduldig Laura (Zuzana Kocurikova), Sylvia (Sylvie Turbova) und Maria (Sylvie Breal) - voller Leidenschaft, wie abgepaust aus einem typischen Ausziehfilm der Zeit. Entspricht nicht auch das der Fantasie von Boris? Im Grunde aber ist es auch ganz egal, ob das alles real ist oder Imagination. Robbe-Grillet hat The Man Who Lies 1968 gemacht und wir müssen ihn ganz aus seiner Epoche heraus verstehen: Es ist die Zeit, in der sich die Kriegsheimkehrer fragen, ob sie überhaupt auf der richtigen Seite standen?
The Cousins - Schrei, wenn du kannst - Les cousins DVD7561
Von allen Autoren der Nouvelle Vague ist ausgerechnet der Allererste, Claude Chabrol, derjenige, für den sich die Kunden der Filmkunstbar Fitzcarraldo am wenigsten interessieren. Vielleicht liegt das daran, dass wir ihn als Krimi-Spezialisten der Bourgeosie in Erinnerung behalten? Ihm selbst war das übrigens bewusst. Chabrol scherzte mal in einem Interview, in seinen Filmen würde man ältere Herren beim Speisen sehen. Hier kommt aber ein früher, "echter" Nouvelle Vague Film von ihm. Charles (Gérard Blain) zieht zum Studieren nach Paris. Er wird aufgenommen im sehr bürgerlichen Kreis seines Cousins Paul (Jean-Claude Brialy). Bald - wie in französischen Filmen so üblich - kommt eine Frau, Florence (Juliette Mayniel) ins Spiel. Sie entscheidet sich für Paul. Schliesslich besticht Paul deim Examen mit Selbstsicherheit (nicht mit Wissen), während Charles an seiner Nervosität scheitert. Er beschliesst, Paul zu erschiessen...
The 400 blows - Sie küssten und sie schlugen ihn - Les quatre cents coups (OmeU) DVD2739
rancois Truffauts Les quatre cents coups ist einer der gefühlvollsten, mitreissendsten, bewegendsten, wundervollsten Filme über das Heranwachsen, die je gemacht wurde! Inspiriert durch Truffauts eigene Adoleszenz, sehen wir einen Jungen, der sich in den Strassen von Paris herumtreibt und ziemlich offen dafür ist, auf die schiefe Bahn zu geraten. Die Erwachsenen betrachten ihn als einen, der nur Ärger bringt. Wir aber teilen mit ihm auch intime Momente, etwa, wenn er vor seinem Schrein eine Kerze für den Dichter Balzac entzündet. In seiner letzten Szene blickt er direkt in die Kamera. Gerade entflohen aus einem Verwahrungsort für Jugendliche, hat er sich zum Meer durchgeschlagen. Da sitzt er nun, zwischen dem Festland und dem Wasser, zwischen seiner Vergangenheit und der Zukunft. Das Meer sieht er in diesem Augenblick zum allerersten Mal. Der Junge heisst Antoine Doinel und wird verkörpert von Jean-Pierre Leaud. Truffaut wird mit ihm innerhalb der nächsten 20 Jahre vier Langfilme und einen Kurzfilm inszenieren. Wir beobachten Antoine in seiner Entwicklung und beobachten Leaud, wie er in dieser Rolle erwachsen wird. Leaud ist Antoine und Antoine ist Truffaut.
Pierrot le fou DVD3665
Pierrot Le Fou darf als Schnittstelle betrachtet werden. Fortan drehte Godard in Farbe und verfolgte gesellschaftliche Themen. Ganz nebenbei bietet Pierrot Le Fou aber auch eine meisterhafte Variation über Hollywood Genres. Jean-Paul Belmondo spielt Pierrot, der eigentlich Ferdinand heisst. Er verlässt seine Frau für Marianne Renoir (Anna Karina). Marianne hat einen Mann getötet. Scheinbar. Beide fliehen auf eine Insel. Godard aber interessiert sich nicht allzu sehr für die Handlung. Manchmal passt er konventionelle Thriller Szenen ein, aber sie kommen aus dem Nichts und führen auch zu nichts. Pierrot Le Fou wirkt wie eine Montage. Die einzelnen Teile passen nicht logisch zusammen, ergeben aber ein Ganzes. Wir bekommen einen Eindruck. Einmal liegt Pierrot im Bett und raucht, während Marianne ein Lied für ihn singt. Das ist sympathisch, bleibt aber Nummern Revue. Ah, und ganz nebenbei bemerken wir eine Leiche. Die ist einfach da, verändert aber die Stimmung der Szene. Darum geht's. Und wenn Marianne und Pierrot durch Frankreich fliehen, dann immer in Begleitung von Filmzitaten.
Paris Is Ours - Paris gehört uns - Paris nous appartient (OmeU) DVD5393
Wer war denn nun eigentlich der allererste in der Nouvelle Vague? Wer den Produktions-Notizen von Rivettes Paris Is Ours Glaubt, der lernt: Es war Rivette, denn er begann den Dreh seines Debüts bereits 1957. Trotzdem war Paris Is Ours kein Erfolg an der Kinokasse, denn Rivette ist immer gewöhnungsbedürftig. Welcher andere Regisseur kann schon einen dreizehnstündigen Spielfilm aufweisen? Und selbst die zugänglicheren Werke Rivettes sind auch mal gerne sechs Stunden lang. Paris Is Ours läuft nur über 141 Minuten. Der Film dreht sich um den Tod einer Figur, die wir nie kennen lernen. Er heisst Juan, ist Gitarrist und kommt aus Francos Spanien. Ein Exilant. Nun bemüht sich die junge Studentin Anne (Betty Schneider) darum, die Gründe von Juans Tod zu ergründen. Starb Juan durch eigene Hand oder war er Opfer eines politischen Komplotts? Nun sucht Anne einen Theater-Mitschnitt, den Juan vor seinem Tod aufnahm, um einem Theater-Regisseur seine Inszenierung von Shakespeares "Perikles" vorzustellen. Wer viele Rivette Filme gesehen hat, der weiss, dass Theater-Proben ein beliebtes Motiv bei ihm sind. Anne ist meist in Begleitung. Darunter ihr Bruder und noch ein Exilant und zwar diesmal einer aus McCarthys Amerika. Sie alle rauchen Kette und neigen zu Zynismus, Nihilismus und Paranoia. Darum geht es in Paris Is Ours: Um genau dieses Weltbild.
Lola (OmeU) DVD2778
Die allermeisten unserer Kunden verbinden mit der Nouvelle Vague solche Namen wie Godard-Truffaut-Chabrol etc etc. Ein Name, der nur selten in den Diskussionen am Tresen unserer Videothek auftauchen, das ist der von Jacques Demy. Dabei drehte auch Demy seine bekanntesten Filme während der Hochzeit der Nouvelle Vague. Anders als den einschlägigen Vertretern unterstellen ihm aber viele eine zu grosse Abhängigkeit von Hollywood Themen. Demy erwähnt man lieber als Ehemann von Agnes-Varda. Irgendwann in den 90ern aber änderte die Welt der Geeks ihre Auffassung von Demy und schliesslich wurde er durch die Criterion Mammut Box "The Essential Jacques Demy" geadelt. Wenn du dir nun seine (übrigens damals sehr erfolgreichen!) Filme anschaust, dann wirst du bemerken, wie wenig sie im Einklang mit den übrigen Nouvelle Vague Kollegen stehen. Immerhin dreht sich deren Werk vor allem um die Frage, WIE Filme entstanden. Die Geschichten, die sie erzählen, stellen sie immer auch in Frage. Demy hingegen begnügt sich damit, ein ganz eigenes Universum zu erschaffen. Im Demy Universum ist alles etwas überspitzter, bunter, kitschiger als im echten Leben. Ein Universum voller tief empfundener Fantasien, unterlegt mit ganz viel Musik. Demy liebt solche stilisierten Genres wie das Musical oder das Märchen. Er liebt Farben und solche Emotionen, die sich eben nur ausdrücken können, indem man sie singt. Zeitgenossen und einige unserer Kunden würden das vermutlich als Arbeit eines Menschen, der nicht fähig ist, sich mit der Realität auseinander zu setzen, abtun. Und wer würde bestreiten, das Demys Lieblings-Genre, das Musical der surrealste Vertreter aller Genres ist? Sein Debüt Lola wird wohl noch am meisten dem entsprechen, was wir uns unter Nouvelle Vague so vorstellen. Der Film spielt in Demys Heimat Nantes und zeigt Anouk Aimee in der Titelrolle. Lola ist eine Nachtclub-Sängerin, die sich nach ihren Geliebten sehnt - aber auch einem Abenteuer nicht abgeneigt ist. Und dann ist da noch Roland (Marc Michel), der nach Nantes zurück kehrt und sich auf ein zwielichtes Diamanten-Geschäft einlässt, um Lola heraus zu holen aus dem ganzen Sumpf um sie herum.
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