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My Life to Live - Die Geschichte der Nana S. - Vivre sa vie: Film en douze tableaux (1962) (Rating 9,0) DVD809
Sa, 10/05/2025 - 18:33
Gegen die Erstarrung des französischen Films polemisierte jahrelang die Cahier du Cinema. Der junge Redakteuer Francois Truffaut forderte statt eines Films der festgefahrenen Genres einen Film der Autoren nach dem Vorbild von Hitchcock, Hawks, der italienischen Neorealisten und amerikanischer B-Movies. Die Kritik war die Vorstufe, um eigene Filme zu realisieren. Die Filmenthusiasten der Cahiers, Jean-Luc Godard, Jacques Rivette, Claude Chabrol oder Eric Rohmer hatten keine Ausbildung, nur die Schulung in den Filmclubs, nichtsdestotrotz drehte Truffaut seinen ersten Kurzfilm Les mistons und Chabrol produzierte seinen ersten Langfilm Le beau serge dank einer Erbschaft. Die Produzenten wurden aufmerksam, auch weil die Jungen billig arbeiteten und Ideen besassen. Eilfertig prägten Journalisten den Begriff Nouvelle Vague und verschafften dem französischen Film einen neuen Aufschwung. In den Jahren 1959-60 drehten allein 67 französische Regisseure ihren Debütfilm, nachdem Truffaut und Chabrol bewiesen hatten, dass es auch ohne handwerkliche Erfahrung nur mit dem Rüstzeug der Cinemateque möglich war, zu produzieren. Le beau Serge leitete die Nouvelle Vague ein, Truffaut tat das, was er als Kritiker immer gefordert hatte: Der Film solle nur von dem berichten, was allerpersönlichste Erfahrung ist. Les quatre cents coups (Sie küssten und sie schlugen ihn) kam dem konsequent nach und führte Truffauts Alter Ego ein: Antoine Doinel. Der Held von Godards erstem Film ist ein Gangster, der einen Polizisten ermordet, sich aber unbekümmert mit einer früheren Freundin beschäftigt. Belmondos Gangster wurde als virtueller Doppelgänger Godards bezeichnet: Godard sei eben nur deshalb nicht mehr Michel Poiccard, weil er den Film gedreht habe: A bout de souffle (Ausser Atem) ist hemmungsloser Freiheitsdrang, Aggressivität und Selbstdarstellung mit ruckartigen Schnitten und einem seltsam auseinander gerissenen Geschehen. Rivettes Paris nous appatient ist ein undurchschaubares Labyrinth von Verschwörung und Verdacht. Rohmers Le signe du lion zeigt ein ungastliches und grausames Paris. Beide Filme fielen an der Kinokasse durch und dennoch einte die beiden Autoren eine ungewöhnliche lange Kinokarriere und eine fast so emsige Fleissarbeit wie die von Claude Chabrol. Die Nouvelle Vague resultierte ähnlich wie New Hollywood aus einer Krise des Kinos, Jahrzehnte später aber waren die Hoffnungsträger selbst das französische Kino . - The Cahier du Cinema polemicised for years against the numbness of French film. Instead of a film of the deadlocked genres, the young editor Francois Truffaut demanded a film by the authors based on the models of Hitchcock, Hawks, the Italian neorealists and American B-movies. Criticism was the preliminary stage for making one's own films. The film enthusiasts of the Cahiers, Jean-Luc Godard, Jacques Rivette, Claude Chabrol or Eric Rohmer had no education, only the training in the film clubs, nevertheless Truffaut shot his first short Les mistons and Chabrol produced his first feature film Le beau serge thanks to an inheritance. The producers became aware, also because the boys worked cheaply and had ideas. Journalists hurriedly coined the term Nouvelle Vague and gave French film a new boost. In the years 1959-60 67 French directors shot their debut film alone, after Truffaut and Chabrol had proved that it was only possible to produce with the equipment of the Cinemateque even without technical experience. Le beau Serge introduced the Nouvelle Vague, Truffaut did what he had always demanded as a critic: the film should only report on what is the most personal experience. Les quatre cents coups (They kissed and they beat him) followed suit and introduced Truffaut's alter ego: Antoine Doinel. The hero of Godard's first film is a gangster who murders a policeman, but is unconcerned about a former girlfriend. Belmondos gangster was described as Godard's virtual doppelganger: Godard is no longer Michel Poiccard simply because he shot the film: A bout de souffle is an unrestrained urge for freedom, aggressiveness and self-portrayal with jerky cuts and a strangely torn apart event. Rivette's Paris nous appatient is an inscrutable labyrinth of conspiracy and suspicion. Rohmer's Le signe du lion shows an inhospitable and cruel Paris. Both films failed at the box office and yet the two authors were united by an unusually long cinema career and an almost as industrious work as that of Claude Chabrol. Like New Hollywood, the Nouvelle Vague was the result of a crisis in cinema, but decades later French cinema itself was the hope.

Filme in der Liste

The umbrellas of Cherbourg - Die Regenschirme von Cherbourg - Les Parapluies de Cherbourg (1964) (Rating 8,5) (OmeU) DVD1209

The umbrellas of Cherbourg - Die Regenschirme von Cherbourg - Les Parapluies de Cherbourg (OmeU) DVD1209

Unser Kollege Thomas Groh freute sich riesig als er die DVD von The Umbrellas Of Cherbourg auspackte und ins Regal stellte. Ein Musical, in dem ausschliesslich gesungen würde, freute er sich. Doch obwohl Jacques Demys dritter Spielfilm wichtige Preise einheimste und besonders in Amerika gefeuert wurde, blieb er in unserer Videothek unbeachtet. Wie sollte man The Umbrellas Of Cherbourg verleihen? Indem man euch, den Kunden, erklärt, dass es ein Schlüsselwerk der Nouvelle Vague ist und ausserdem der internationale Durchbruch von Catherine Deneuve? The Umbrellas Of Cherbourg ist eine Romanze zwischen Genevieve (Deneuve), der schönen Tochter der örtlichen Besitzerin des Regenschirm-Ladens und Guy (Nino Castelnuovo), einem armen, aber gut aussehenden Auto-Mechaniker. Guy und Genevieve befinden sich im Vollrausch ihrer ersten grossen Liebe, so dass sie trunken die Strassen entlang schweben. Ihre Gefühle sind so gross, dass sie niemals nur ausgesprochen werden könnten in normalen Kino-Dialogen. Sie müssen gesungen werden!
My Night with Maud - Meine Nacht bei Maud - Ma nuit chez Maud (1969) (Rating 9,0) DVD3864

My Night with Maud - Meine Nacht bei Maud - Ma nuit chez Maud DVD3864

In Rohmers My Night With Maud geht es um Liebe. Und um die kleinen Spielchen der Liebe. Bestimmt ist es der beste Rohmer Film. Nicht intellektuell oder gar akademisch. Viel besser: Er ist sehr nachdenklich und kennt die menschliche Natur. Es ist ein herausfordernder Film. Keine Berieselung. Danach möchte man darüber diskutieren und ich bin mir sicher, dass es konträre Standpunkte gibt. Versuch es mal mit deiner Freundin! Auftritt Jean-Louis Trintignant als katholischer, einsamer Mann. Er liebt ein blondes Mädchen, das er nie traf. Sonntags sieht er sie in der Kirche und manchmal auf der Strasse. Eines Tages trifft er Maud (Françoise Fabian). Sie ist geschieden und verabredet sich unregelmässig. Sie mag Jean-Louis (er trägt im Film eben diesen Namen). Er darf bleiben, wenn ihr Liebhaber, ein Freund von Jean-Louis, geht. Dann geschieht etwas Merkwürdiges: Maud und Jean-Louis unterhalten sich die ganze Nacht über. Sie reden über Sex und die Ehe. Sie im Nachthemd. Manchmal sitzt Jean-Louis auf der Bettkante. Es ist eine Szene, in der sich die Figuren allein durch ihr Verhalten und durch ihre Bewegungen offenbaren. Maud reizt Jean-Louis. Gleichzeitig bewahrt sie sich ihre Privat-Sphäre. Subtil? Ja, äusserst! Alle anderen Szenen im Film ergänzen diese eine. Und nun stell dir vor, es ist das Jahr 1969, du bist cinephil, lebst in Paris und schaust dir My Night With Maud im Kino an. Ich denke, es muss wie eine Offenbarung gewesen sein!
Last year in Marienbad - Letztes Jahr in Marienbad - L'année dernière à Marienbad (1961) (Rating 9,0) (OmeU) DVD1577

Last year in Marienbad - Letztes Jahr in Marienbad - L'année dernière à Marienbad (OmeU) DVD1577

Ich kann es noch genau vor meinen Augen sehen, wie ich im Schlüter Kino in der Schlüter Strasse anstand, um Alain Resnais' Klassiker anzusehen. Wir mussten in der Schlange warten, abends kurz vor zehn und es nieselte ein bisschen. Oder habe ich denselben Film letztes Jahr gesehen? Es fällt leicht, über Last Year At Marienbad zu lästern. Nichtsdestotrotz; du siehst dir den Film wieder an - er hat dich wieder! Gibt es das überhaupt noch? Studenten (in schwarz gekleidet), die im Regen vor dem Kino anstehen, um Alain Resnais zu sehen und anschliessend stundenlang über die Bedeutung von Last Year At Marienbad diskutieren? Die darauf hoffen, so etwas wie Wahrheit in der Kunst zu finden? Alain Resnais hat seinem Film eine höhere Bedeutung abgesprochen, doch das hielt keinen seiner Jünger davon ab. Wenn ich ihn also heute auf DVD ansehe; was erwartet mich? Die höheren Weihen der Kunst oder etwas Dümmliches? Macht es gar mehr Spass, über Resnais zu sprechen als ihn sich noch einmal anzuschauen? Dann die ersten Szenen, voll ungeheurer Schönheit. Ein hypnotischer Sog, ein rätselhaftes Puzzle! Der Plot gleicht einem Geheimnis und auch die Charaktere erschliessen sich nicht. Das ist aber zweitrangig und ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Bedürfnis, diese Rätsel erraten zu wollen. Wer braucht schon ein Happy Ending?
La jetee (1962) (Rating 9,0) (OmeU) DVD5821

La jetee (OmeU) DVD5821

Chris Marker. Filmkritiker nennen ihn einen Meister des "Eassay Films" und berühmt wurde er durch sein fiktives Zeitreise Märchen La Jetee zu Beginn der 60er. Nur eine halbe Stunde dauert La Jetee, doch wie gewaltig ist sein Einfluss auf das Science Fiction Genre und insbesondere auf Zeitreise-Filme? Jahrzehnte später sollte Terry Gilliam die Grundidee von La Jetee in Twelve Monkeys wieder aufgreifen - und Chris Marker dafür in den Credits seines Blockbusters nennen. Marker selbst hat nie wieder so einen Film wie La Jetee gemacht. Zumindest nicht direkt. Und dennoch: Jeder seiner folgenden 60 Filme ist eng mit La Jetee verbunden. Immer geht es um menschliche Wahrnehmung, Erinnerungen und wie sie unser Leben verzerren. Dem entspricht Markers Verständnis von Geschichte. Objektivität stellt für ihn etwas geradezu Anstössiges dar. Marker beobachtet die Welt stets durch eine erfundene Prämisse. Und natürlich wird die Welt immer auch durch Markers "cinephile" Perspektive wahrgenommen, denn wie so viele Autoren der Nouvelle Vague begann er seine Arbeit als Filmkritiker. Das macht Markers Filmkunst zu einer ausgesprochen französischen Filmkunst. Zu französisch? Nicht für mich! La Jetee und alle anderen Werke von Marker nehmen an einem intellektuellen Diskurs teil, der eng mit der französischen intellektuellen Tradition verbunden ist. Verkürzt beschrieben: Ausschlaggebend ist dabei immer der eigene Gemütszustand.
Jules and Jim - Jules und Jim - Jules et Jim (1962) (Rating 9,0) DVD1752

Jules and Jim - Jules und Jim - Jules et Jim DVD1752

Jules Et Jim eröffnet mit einer furiosen Karussell-Musiksequenz und einer atemlosen Einführung über zwei junge Männer, Jules und Jim, die sich in Paris um 1912 treffen. Einer ist Franzose, einer Österreicher. Sie bringen einander ihre Sprachen bei und übersetzen sich Gedichte. Jules sucht nach einer Freundin, doch nie klappt es so recht. Die Mädchen, die er "datet", sind entweder zu still oder sie reden zu viel oder es passt sonst etwas nicht. Also versucht ers mit einer Professionellen, aber das ist natürlich auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Truffaut erzählt das alles ausgesprochen überschwänglich und immer so, als wüsste er bereits das Ende der Geschichte... 1962, mitten in der kreativen Explosion der Nouvelle Vague, kam Truffauts dritter Film in die Kinos. Wahrscheinlich der einflussreichste und auch beste Film dieser Reihe, die so radikal mit der Vergangenheit brach! So ungeheuer wirkte dieser Schub der Nouvelle Vague, dass ein paar Jahre später auch das amerikanische Kino mit den Stereotypen der Vergangenheit brechen sollte.
Hiroshima mon amour (1959) (Rating 9,0) DVD589

Hiroshima mon amour DVD589

Alain Resnais - er ist eine der schillernden Figuren des europäischen Kunst-Kinos! Er war von den Surrealisten genauso fasziniert wie von "volkstümlichen" Sachen. Hiroshima Mon Amour ist sein erster Spielfilm. Eine Meditation über die Bombe und die Undenkbarkeit einer atomaren Katastrophe. Resnais zeigt ein Paar, das ein langes Gespräch führt über das Vergessen und Erinnern. Immer wieder unterbrochen durch Bilder aus der Vergangenheit - Mini Flashbacks. Irgendwann sprach ich mit meinem Vater über Hiroshima Mon Amour. Es muss eine Sensation gewesen sein als dieser Film in den frühen 60ern in Deutschland anlief! Es war die Zeit der Film Clubs. Kleine Nischen, in denen sich Cineasten treffen. Du kannst sie dir vorstellen, wie sie in Seitenstrassen vom Kurfürstendamm kleine Film Clubs schufen, über Filme diskutierten und sich selbstverständlich versuchten, so wie Existentialisten zu kleiden. Alain Resnais war das gefundene Fressen! Viele würden Resnais heute gern zur Nouvelle Vague zählen, doch das stimmt nicht. Seine Karriere begann früher und er filmte unabhängig von solchen Strömungen. Sicher, er hatte Kontakt zu Marguerite-Duras, Alain-Robbe-Grillet, Chris-Marker oder Agnes-Varda - doch vor allem bleibt Resnais ein Einzelgänger des Kinos. Das Drehbuch von Hiroshima Mon Amour, das Marguerite Duras verfasste, stellt sich quer gegenüber Raum und Zeit. Ganz dem Vorbild des "Nouveau Roman" entsprechend. So kann die Vergangenheit mit der Gegenwart, das Öffentliche mit Privaten, ja die Fiktion mit der Dokumentation verbunden werden.
My Life to Live - Die Geschichte der Nana S. - Vivre sa vie: Film en douze tableaux (1962) (Rating 9,0) DVD809

My Life to Live - Die Geschichte der Nana S. - Vivre sa vie: Film en douze tableaux DVD809

Nach fünf Minuten ists um mich geschehen. Ich bewege mich nicht. Ich starre auf den Monitur. Bis es vorbei ist. Ich meine, auch erst nach dem Abspann wieder richtig durchzuatmen! Ein ganz toller Film! Einer der tollsten überhaupt! Erzählt wird die Geschichte von Nana (Anna Karina). Anna Karina war damals Godards Frau. Fast durchsichtig wirkt sie mit ihrem Porzellan Gesicht, ihren vorsichtig blickenden Augen, ihrem schwarzen Haar, das wie ein Helm um den Kopf anliegt und ihren schicken Kleidern. Wir wissen ja, die Nouvelle Vague braucht schöne Frauen und coole Typen, die ununterbrochen rauchen! Auch Anna Karina raucht immer. Sie verkörpert eine junge Pariserin. Der Vorspann zeigt ihr Gesicht erst seitlich, dann frontal. Von Anfang bis zum Ende wird der Film sie beobachten, versuchen, ihr Gesicht zu lesen. Auf, dass wir nichts verpassen! Keine einzige Regung! Dazu die Musik von Michel Legrand, die plötzlich stoppt und dann mit dem nächsten Motiv fortfährt. So als wollte die Musik uns Anna Karina erklären. Aber sie scheitert und beginnt von vorn.
Cleo from 5 to 7 - Cleo - Mittwoch zwischen 5 und 7 - Cléo de 5 à 7 (1962) (Rating 9,4) (OmeU) DVD2148

Cleo from 5 to 7 - Cleo - Mittwoch zwischen 5 und 7 - Cléo de 5 à 7 (OmeU) DVD2148

An diesem frühen Abend, in der Zeit zwischen fünf und sieben, wird Cleo die Ergebnisse ihres Tests vom Arzt bekommen. Cleo geht fest davon aus, dass der Bericht negativ sein wird, dass sie an Krebs erkrankt ist. Agnes Vardas Film dauert 90 Minuten lang. Sie wirken auf uns genauso nervenaufreibend wie auf Cleo. Vorweg sei eine Frage erlaubt: Wenn du die Grössen der Nouvelle Vague aufzählst - ist Varda unter ihnen? Oder vergisst du sie meistens? Ich hab mich dessen schuldig gemacht in der Vergangenheit, weil man immer die weiblichen Regisseure unterschlägt. Oder? Cléo de 5 à 7, Baujahr 1962, hat die Zeit überdauert. Wurde das Werk in den 60ern als richtungsweisend bewertetet, wirkt es heute noch genauso modern wie damals! Cléo (Corinne Marchand) ist ein junger französischer Popostar, die gerade den ersten Ruhm erntet. Sie betritt ein Cafe, während einer ihrer Songs läuft. Eine Frau beschwert sich über den Lärm. Es ist eine der Ideen des Films, dass wir die Gespräche an den anderen Tischen mitbekommen (so das Zerwürfnis eines Pärchens), während Cleo wartet. Ich denke, wir hören wie Cleo. Das hat ein psychologisches Moment, denn im Angesicht des Todes, nimmt man andere Menschen ganz anders wahr. Es sind Gedanken über das Leben, das den Anderen weiterhin vergönnt ist. Um Cleo herum geschehen ganz triviale Dinge, durch ihre Perspektive aber, gewinnt der Film seine Tiefe.
Breathless - À bout de souffle (1960) (Rating 9,3) (OmeU) DVD5774

Breathless - À bout de souffle (OmeU) DVD5774

Das moderne Kino beginnt hier, 1960, bei Jean-Luc Godards Debüt. Das wohl einflussreichste überhaupt! Ein Filmwissenschaftler würde jetzt erörtern, dass Godards "Jump Cuts" den Durchbruch brachten. Vielleicht war es aber auch einfach nur die Respektlosigkeit, mit der sich Godards narzistische Helden obsessiv um sich selbst drehen, ohne den Rest der Gesellschaft überhaupt zu beachten? Im Grunde kann man sämtliche Charaktere der goldenen Ära Hollywoods der späten 60er von Godards Vorbild ableiten. A Bout De Souffle ist ein lebendiger Film, der uns herausfordert und mit einbezieht. Ein Werk, das uns jederzeit überraschen kann! Faszinierend, wie naiv und doch amoralisch die beiden Helden sind: Michel (Jean-Paul Belmondo), ein Autodieb, der Bogard idealisiert und vorgibt, viel härter zu sein, als er es eigentlich ist. An seiner Seite (oder nicht?) Patricia (Jean Seberg), eine Amerikanerin, die den Herald Tribune verkauft und auf einen Studienplatz in der Sorbonne wartet. Wissen sie eigentlich, was sie tun? Beide Morde im Film entwickeln sich aus der Besessenheit Michels für Waffen (die ihm gar nicht gehören). Patricia ist involviert, da sie sexuell fasziniert ist von Michels Gangster Persona. Michel will genauso sein wie die Filmstars aus Hollywood. Er probiert deren Mimik im Spiegel und in keiner einzigen Szene sieht man ihn ohne Zigarette (oft erleben wir die Übergänge, wie er die folgende mit der vorigen anzündet). Michels letzter Atemzug, selbst der ist noch voller Rauch! Belmondo war mitte Zwanzig während des Drehs, wirkt aber wie ein Jugendlicher - die Zigaretten etwas zu gross für sein Gesicht. Mit seiner Boxernase kann man ihn (vor allem zu Beginn der 60er!) nicht als klassisch schönen Star bezeichnen. Aber etwas Hypnotisches geht von ihm aus und nicht nur ganz Frankreich lag ihm zu Füssen! Jean Sebergs Hollywood Karriere während der 50er verlief ziemlich desaströs, so dass sie nach Europa floh, wo Godard sie entdeckte. Ihre Patricia ist das Mysterium des Films! Michel verstehen wir: Er posiert wie ein grosser Gangster und wahrt seine Fassade. Darunter hat er Angst. Und Patricia? Sie glaubt, schwanger zu sein mit Michel als Vater - aber ist das überhaupt wichtig für den Film? Sie weiss, dass Michel ein Dieb und Mörder ist - und verheiratet. Offensichtlich zeigt er mehrere Gesichter. Nun versucht sie, mit kleinen Spielchen herauszufinden, ob sie ihn liebt oder nicht? Patricia scheint noch verblendeter zu sein als Michel! A Bout De Souffle ist längst Mythos. Eine Legende! Die Initialzündung der Nouvelle Vague, die dem gediegenen französischen Kino eine experimentierfreudigere, rohere Gangart verpasste. Ein persönlicher Film, gemacht von einem ehemaligen Kritiker der Cahiers Du Cinema, die sich gegen das Establishment richteten.
Adieu Philippine (1962) (Rating 7,4) (OmeU) DVD7488

Adieu Philippine (OmeU) DVD7488

Kaum zu glauben, doch die Nouvelle Vague in Frankreich begann in den späten 50ern des letzten Jahrhunderts - und wirkt immer noch so hip, wie man es sich nur wünschen darf! Alles begann mit einer Handvoll Filmen, die viel selbstbewusster und frischer wirkten als alles, was man zuvor kannte. Irgendwann in den frühen 60ern war daraus eine unübersichtliche Flut geworden, so dass Geek nach wie vor viel zu entdecken hat. Eine schöne Beschäftigung! Und hier kommt ein vergessener Klassiker der Nouvelle Vague! Michel (Jean-Claude Aimini) arbeitet als Techniker beim Fernsehen, wo er zwei Teenie Mädchen Liliane und Juliette (Yveline Cery und Stefania Sabatini) auf der Jagd nach ihren Stars aufliest. Mit jeder von ihnen beginnt Michel eine Affäre. Unabhängig voneinander verlieben sich beide in Michel. Schliesslich aber merken die Beiden, dass Michel eben nicht nur sie allein trifft. Ihr Triumphirat wird langsam von Eifersüchteleien und Vorwürfen zerfressen... Michel flüchtet nach Korsika, doch die Teenies folgen ihm überall hin. Nun setzt ein zweiter Handlungsstrang ein, als die Mädchen von Michel verlangen, einen Film-Regisseur zu finden, der ihnen noch Geld schuldet. Für Michel bleibt aus dieser Menage A Trois letztlich nur noch ein Ausweg: Algerien... Ich denke, nur die Wenigsten werden Jacques Rozier kennen. Adieu Philippine ist sein Debüt und vermutlich noch am populärsten. Ein Amateur Film, vermutlich mit zu vielen Dialogen und dabei etwas prätentiös - aber mit dem Swing der Nouvelle Vague!

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